
Führerschein: Eine Verheißung verliert an Strahlkraft
Da gibt’s noch diese alten Fotos: junge Männer mit schmalen Gesichtern neben einem Opel Kadett, vermutlich vierter Hand, junge Frauen vor einem alten Käfer, irgendwo dahinter eine Tankstelle mit Preistafeln, die alle halbe Jahr mal vom Tankwart auf einer Leiter gewechselt wurden. Die Bilder stammen aus einer Zeit, als zwischen Konfirmation und erstem eigenen Kühlschrank automatisch die Fahrschule lag.
Opa erzählt davon mit einer Mischung aus Stolz und Belustigung. Acht Fahrstunden, ein Fahrprüfer mit Zigarette. Rückwärts einparken auf einem Platz, auf dem heute der Supermarkt mit Abstellflächen fürs Lastenrad steht. Danach ein Bier, und am nächsten Tag ging’s mit Freunden ab nach Holland oder Frankreich.
Damals bedeutete Autofahren Aufbruch. Das Land war voller Straßen, die wie ein Freiheitsversprechen wirkten. Hinter jedem Ortsschild konnte etwas Neues beginnen. Eine Diskothek. Eine Freundin aus dem Nachbardorf. Freiheit roch nach einem simplen Motor und kaltem Rauch in den Stoffpolstern.
Heute sitzen Enkel am Küchentisch und rechnen. Nicht die Strecke, nicht die Reise, sondern die Kosten.
Auf dem Tisch liegen Ausdrucke von Fahrschulen, Preislisten mit Zahlen, die aussehen wie Monatsmieten. Auf dem I-Pad erscheinen Apps mit Animationen und Theoriefragen. Der Führerschein hat sich verwandelt. Früher war die Fleppe der Schlüssel fürs Tor zur Welt. Heute wirkt die Fahrerlaubnis gelegentlich wie eine Prüfung darüber, ob jemand überhaupt schon am Leben teilnehmen darf.
In vielen Familien kommt irgendwann dieser Satz: „Wir würden euch den Führerschein bezahlen.“ Er fällt oft mit jener warmherzigen Großzügigkeit, die ältere Menschen entwickeln, wenn sie ihren Enkeln etwas erleichtern möchten, das ihnen selbst einst leicht erschien. Und tatsächlich scheitert es nur selten am Geld.
Etwas anderes sitzt mit am Tisch. Eine eigentümliche Müdigkeit gegenüber den großen Symbolen früherer Generationen. Außerdem fällt garantiert der Satz: „Es gibt doch Öffis!“ – Hm, klar, stimmt, heißt es dann. Ist aber nicht dasselbe . . .
Das Auto besitzt heute zwar mehr Hochglanz, aber nicht mehr die Strahlkraft von einst. Für viele junge Menschen wirkt es eher wie ein zusätzlicher Vertrag mit der Wirklichkeit: Versicherung, Werkstatt, Parkplatzsuche, Stau, Spritpreise, Winterreifen. Eine Maschine voller Elektronik, die trotz ihrer Assistenzsysteme dauerhaft Aufmerksamkeit verlangt. Die alte Verheißung hat Gebrauchsspuren bekommen.
Dazu kommt eine Gegenwart, die bereits vor dem Frühstück mit Nachrichten, Bildern und Stimmen gefüllt ist. Früher musste man sich in Bewegung setzen. Heute strömt die Welt ununterbrochen durch Displays in die Zimmer. Freundschaften, Streit, Musik, Flirts, Unterhaltung — alles liegt mit dem Handy buchstäblich in Griffweite.
Der lange Weg
Der Enkel fällt zum dritten Mal durch die Theorieprüfung. Opa wartet im Auto und trommelt leicht aufs Lenkrad. Oma hat belegte Brötchen vorbereitet. Niemand macht Vorwürfe. Aber über allem liegt dieses Staunen darüber, dass etwas, das früher beinahe nebenbei geschah, heute zu einer kleinen Lebensaufgabe geworden ist.
Die Fahrschule selbst wirkt inzwischen wie eine Mischung aus Coachingzentrum und Sicherheitslabor. Auf Bildschirmen erscheinen Gefahrensituationen mit einer Dramatik, als müsse gleich ein Hubschrauber landen. Überall Regeln, Hinweise, Zusatzfragen. Der Straßenverkehr ähnelt darin weniger einer Fahrt als einem komplizierten Gesellschaftsspiel mit hohen Strafgebühren.
Früher lernten junge Menschen vor allem zu fahren. Heute lernen sie zusätzlich Verantwortung, Risikoanalyse und die Angst vor Fehlern. Das könnte auch ein Teil der eigentümlichen Distanz sein.
Denn viele Jugendliche wachsen in einer Zeit auf, in der fast jede Entscheidung mit Folgekosten verbunden scheint. Studienwahl, Wohnungssuche, Versicherungen, Heizkosten, Abonnements, Bewerbungen. Der Führerschein reiht sich ein wie ein weiterer schwerer Ordner im Regal des Erwachsenwerdens.
Und dennoch rollen an den Abenden weiterhin Autos über die Straßen. Vor Supermärkten stehen Gruppen junger Leute an blankgeputzte Wagen gelehnt. Aus geöffneten Seitenfenstern dringt Musik. Es wird gelacht. Jemand hält einen Takeaway mit Sarti Spritz in den Händen, während die Tankstellenbeleuchtung alles in dieses künstliche Nachtweiß taucht, das deutsche Vorstädte seit Jahrzehnten begleitet.
Der Wunsch aufzubrechen ist nicht verschwunden. Er gibt sich etwas vorsichtiger, etwas schwerer. Als müsste jede Bewegung erst durch mehrere Formulare hindurch.

Und häufig sitzt dann doch ein Enkel neben dem Großvater im Auto, nach bestandener Prüfung. Die Hände am Lenkrad, noch etwas unsicher und mit weißen Knöcheln. Vor ihnen eine Straße, die sich durch die Großstadt zieht und auf die Autobahn führt. Und Opa schaut, als hätte sich für einen Moment eine alte Tür noch einmal geöffnet.
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