
In der Schlange an der Kasse
Die Auswahl der Waren erzählt etwas. Wahrscheinlich interessiert es niemanden.
Die Schlange an der Supermarktkasse gehört zu jenen Orten, an denen scheinbar nichts geschieht und dennoch so manches sichtbar wird. Am Ende stehen alle dort, mit Wagen oder Korb, vereint in einer unfreiwilligen, kurzen Verabredung auf Zeit.
Der Einkauf ist erledigt, der Weg nach draußen aber noch blockiert. Der Blick landet auf dem Förderband. Die eigenen Einkäufe liegen offen da. Brot, Gemüse, vielleicht eine Flasche Wein. Dinge, die sich eben noch beiläufig im Wagen befanden, wirken plötzlich erklärungsbedürftig. Für einen Moment entsteht der Eindruck, diese Auswahl erzähle etwas. Über den Abend, über Vorlieben, über Gewohnheiten. Wahrscheinlich interessiert es niemanden. Und doch wird der Abstand zum Vordermann ein wenig angepasst.
Auch die Einkäufe der anderen geraten kurz ins Blickfeld. Bio oder Billigmarke. Viel oder wenig. Das innere Bild formt sich schnell – und verschwindet ebenso rasch. Es bleibt ein flüchtiger Gedanke, nicht mehr.
Nähe wird hier wortlos geregelt. Ein Schritt vor, ein halber zurück. Ein leichtes Drehen des Körpers. Alles geschieht ohne Kommentar, aber nicht ohne Bedeutung. Die Regeln sind bekannt, auch wenn sie nie ausgesprochen wurden.
Die Zeit benimmt sich eigensinnig. Zwei, drei Minuten können sich dehnen. Dann wieder ist alles vorbei, schneller als erwartet. Die Geschwindigkeit scheint weniger von der Kasse abzuhängen als vom eigenen inneren Zustand.
Es gibt Rituale. Das Bereithalten der Karte. Das rasche Einpacken mit dem Wunsch, niemanden aufzuhalten. Das kleine Aufatmen nach dem Bezahlen. Der Platz wird flugs geräumt, kaum jemand schaut zurück.
Und seit einiger Zeit stehen sie da, etwas seitlich: die Selbstbedienungskassen.
Hier ändert sich etwas. Kein Gegenüber, kein kurzer Blick, nur ein Bildschirm und die tonlose Aufforderung, selbst zu kassieren. Die Verantwortung ist gewandert. Wird alles erfasst? Bleibt alles korrekt?
Auffällig ist sofort: Es gibt kein Personal, weniger Gespräch, weniger kleine Selbstverständlichkeiten. Die Effizienz steigt, der Kontakt schrumpft. Was früher aufgeteilt war, liegt nun beim Einzelnen – Arbeit, Kontrolle, Verantwortung. Still und ganz selbstverständlich.
Ein Ort, an dem sichtbar wird, wie sehr der Alltag aus stillen Absprachen besteht. Und wie leicht sie sich verändern lassen, ohne dass viel Aufhebens darum gemacht wird.
Dann öffnen sich die Türen, der Einkaufswagen rollt vorweg. Die Schlange hat sich aufgelöst, als hätte es sie nie gegeben. Sie ist aus dem Kopf. Bis zum nächsten Einkauf.