Experten – Die scheinbar naheliegende Instanz

Kaum ein öffentlicher Konflikt kommt noch ohne sie aus. Sie sitzen in Studios, schreiben Gastbeiträge, werden in Schlagzeilen zitiert, ordnen ein, warnen, bewerten, beruhigen. Oft erscheinen sie in jenem Ton, der über dem Tagesgeschehen eine zweite Ebene einzieht: Hier spricht nicht einfach jemand mit Meinung, sondern jemand mit Autorität. Jemand, der es wissen soll. Ein Experte.

Der Begriff fällt so selbstverständlich, als wäre damit bereits etwas geklärt. Tatsächlich beginnt die Unschärfe genau an dieser Stelle. Denn wer ist ein Experte? Wer entscheidet das? Und nach welchem Verfahren wird aus einer Person eine Stimme, die über andere Stimmen gehoben wird?

Im politischen und medialen Raum lässt sich seit Langem ein wiederkehrendes Muster beobachten. Experten werden besonders gern dann aufgerufen, wenn ihre Einschätzung zum eigenen Kurs passt oder ihn zumindest nicht stört. Sie sollen nicht nur erklären, sondern bestätigen. Der Satz „Wir haben dazu einen Experten befragt“ klingt nach Sorgfalt und Prüfung. In Wirklichkeit beginnt die Lenkung häufig schon viel früher: bei der Frage, wen man anruft und wen nicht.

Zu fast jedem größeren Thema finden sich unterschiedliche Deutungen, konkurrierende Schulen, voneinander abweichende Bewertungen. Das gilt in der Medizin, in der Ökonomie, in der Soziologie, in der Klimadebatte, in Sicherheitsfragen, in der Pädagogik. Öffentliche Wirklichkeit entsteht aber selten aus dieser Breite. Sichtbar wird meist nur ein schmaler Ausschnitt. Einige Stimmen werden fortlaufend eingeladen, andere tauchen kaum auf, manche nur in der Rolle des Abweichlers, der bereits mit einem misstrauischen Unterton vorgestellt wird.

So entsteht ein merkwürdiger Kreislauf. Wer oft eingeladen wird, gilt bald als bekannte Stimme. Wer bekannt ist, wird weiter eingeladen. Aus Präsenz wird Glaubwürdigkeit, aus Wiederholung Autorität. Der Experte erscheint dann nicht mehr als eine ausgewählte Person unter mehreren möglichen, sondern als naheliegende Instanz. Dass am Anfang eine Entscheidung stand, eine Auswahl, manchmal auch ein Kalkül, gerät dabei leicht aus dem Blick.

Diese Auswahl geschieht nicht nur in Redaktionen. Auch Politiker bedienen sich solcher Figuren, ebenso Verbände, Interessengruppen, Stiftungen, Kampagnenapparate und Institutionen, die ihren Positionen Seriosität verleihen möchten. Der Experte erfüllt in solchen Zusammenhängen eine doppelte Funktion: Er liefert Inhalt und zugleich Legitimation. Seine Worte sollen nicht nur etwas sagen, sondern etwas absichern. Wer sich auf ihn beruft, spricht nicht mehr allein.

Dabei ist auffällig, wie selten die Bedingungen dieser Zuschreibung selbst offengelegt werden. Meist bleibt es bei Kleinst-Etiketten: Politikwissenschaftler, Konfliktforscherin, Bildungsexperte, Verhaltensökonomin, Sicherheitsexperte. Das klingt eindeutig, ist es aber nicht. Zwischen fachlicher Qualifikation, beruflicher Erfahrung, institutioneller Nähe, öffentlicher Anschlussfähigkeit und persönlicher Weltanschauung liegen oft fließende Übergänge. Nicht jede Expertise ist vorgetäuscht. Aber kaum eine tritt ganz ohne Umfeld auf.

Auch dort, wo Experten aus der Wissenschaft stammen, verschwindet das Problem nicht. Wissenschaft ist kein Chor mit einer Stimme. Sie ist ein Feld mit Schulen, Methoden, Prioritäten, Annahmen, Abhängigkeiten und inneren Hierarchien. Wer aus diesem Feld heraus in die Öffentlichkeit tritt, bringt nicht nur Forschung mit, sondern auch Perspektive. Manchmal wird genau das übersehen. Man spricht dann von „der Wissenschaft“, obwohl in Wahrheit einzelne Vertreter einer bestimmten Richtung gemeint sind.

Im öffentlichen Gebrauch wird aus dieser Differenz oft ein Vorteil. Eine komplexe Lage lässt sich leichter steuern, wenn man sie an eine autorisierte Figur bindet. Statt Streit sichtbar zu machen, wird Einigkeit erzeugt. Statt Unsicherheit auszuhalten, wird Gewissheit aufgerufen. Statt die Grenzen eines Wissens zu benennen, wird dessen Anwendungsradius erweitert. Der Experte soll die offene Frage schließen.

Für den Zuschauer, den Leser, den Hörer entsteht daraus ein beruhigendes Bild. Jemand hat sich vertieft, jemand kennt die Zahlen, jemand hat studiert, geforscht, beraten, publiziert. Doch gerade in dieser Beruhigung liegt ein Risiko. Denn der Titel „Experte“ ersetzt oft die genauere Prüfung. Es genügt dann schon, dass eine Person eingeführt wird wie eine Instanz. Was sie sagt, wird weniger an Argumenten gemessen als an der Aura, mit der sie auftritt.

Manchmal lässt sich beinahe körperlich spüren, wie stark diese Aura inzwischen geworden ist. Kaum fällt der Begriff, verändert sich die Gesprächslage. Widerspruch wirkt schnell wie Anmaßung. Zweifel klingt nach Uninformiertheit. Die Sache wird nicht mehr nur diskutiert, sie wird verwaltet. Als gäbe es auf der einen Seite diejenigen, die verstehen, und auf der anderen jene, die sich mit dem Ergebnis begnügen sollen.

Expertise ist wertvoll. Sie kann ordnen, vertiefen, auf blinde Flecken hinweisen. Aber sie wird fragwürdig, sobald sie zum politischen und medialen Schmuckstück wird, das immer dann hervorgeholt wird, wenn eine Position zusätzlichen Glanz braucht.

Die Kernfragen lauten also: Warum gerade dieser Experte? Wer hat ihn ausgewählt? Welche anderen Stimmen wurden nicht berücksichtigt? Welche Interessen, welche institutionellen Bindungen, welche Vorannahmen stehen im Hintergrund? Und was geschieht mit denen, die fachlich qualifiziert sind, aber nicht ins Bild passen?

Denn auch Ausgrenzung ist Teil dieses Mechanismus. Manche Stimmen werden nicht deshalb selten gehört, weil sie unkundig wären. Sie stören das gewünschte Gesamtbild. Sie verlängern die Debatte, wo man schon ein Ergebnis präsentieren möchte. Sie machen sichtbar, dass auch Fachwissen in Deutungsräume eingebettet ist. Deshalb stehen sie oft am Rand: nicht widerlegt, aber übergangen.

Am Ende bleibt ein irritierend einfacher Befund. Der Experte ist nicht nur jemand, der etwas weiß. Er ist jemand, der gerufen wird. In dieser Berufung liegt bereits eine Auswahl, manchmal eine Absicht, oft ein Machtverhältnis. Das macht seine Aussagen nicht automatisch falsch. Aber es nimmt ihnen die Unschuld, mit der sie so oft präsentiert werden.