Wie Krisenerzählungen zu einem Herrschaftsdiskurs werden

Es gibt Epochen, die ihren Zeitgeist in einem einzigen Wort verdichten. Das Zeitalter der Aufklärung glaubte an die Vernunft, das Industriezeitalter an den Fortschritt. Unsere Gegenwart hingegen scheint einem anderen Begriff verfallen zu sein: der Krise.
Sie begegnet uns inzwischen mit der Verlässlichkeit einer Datumsanzeige: Kaum hat sich eine Aufregung gelegt, kündigt sich bereits die nächste an. Klimakrise. Migrationskrise. Energiekrise. Wohnungskrise. Demokratiekrise. Der Ausnahmezustand wirkt nicht länger wie ein seltener Gast, sondern wie ein Dauermieter, der sich längst die Hausschuhe angezogen hat.
Nun wäre es töricht zu behaupten, Krisen existierten nicht. Pandemien lassen sich allgemein ebenso wenig wegdiskutieren wie Kriege, wirtschaftliche Verwerfungen oder Naturkatastrophen. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob Krisen existieren. Sie lautet, wie über sie gesprochen wird.
Denn zwischen einer Krise und ihrer Erzählung liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Die Krise beschreibt einen Sachverhalt. Die Erzählung entscheidet darüber, welche Bedeutung wir ihm beimessen. Sie legt fest, wie groß die Gefahr erscheint, wie dringend gehandelt werden muss und welche Maßnahmen plötzlich als selbstverständlich gelten.
Nicht jede Krise wird zum Herrschaftsdiskurs. Aber nahezu jeder Herrschaftsdiskurs beginnt mit einer überzeugenden Krisenerzählung.
Der Gedanke ist keineswegs neu. Der französische Philosoph Michel Foucault beschrieb bereits vor Jahrzehnten, dass Macht weit mehr ist als Gesetze, Polizeigewalt oder staatliche Institutionen. Macht wirkt ebenso durch Sprache. Wer Begriffe prägt, prägt Wahrnehmung. Wer den Rahmen einer Debatte festlegt, beeinflusst häufig bereits ihr Ergebnis.
Das geschieht selten spektakulär. Niemand muss Bücher verbieten oder Mikrofone abschalten. Es genügt oft, den Deutungsrahmen so eng zu ziehen, dass bestimmte Fragen gar nicht mehr selbstverständlich gestellt werden. Die eigentliche Kunst moderner Macht besteht darin, die Auswahl zulässiger Fragen zu verkleinern.
Krisen bieten dafür einen besonders fruchtbaren Boden. Sie erzeugen Zeitdruck. Wo gestern noch diskutiert wurde, wird heute entschieden. Wo Zweifel als notwendiger Bestandteil demokratischer Kultur galten, erscheinen sie plötzlich als Luxus, den man sich angesichts der Lage nicht mehr leisten kann. Das Wort alternativlos erlebt regelmäßig Konjunktur – ein Begriff, der in einer Demokratie eigentlich ähnlich selten vorkommen sollte wie das Wort Endspiel zu Beginn eines Turniers.
Natürlich verlangt eine tatsächliche Krise entschlossenes Handeln. Niemand möchte erleben, dass eine Feuerwehr zunächst eine Bürgerversammlung einberuft, bevor sie den Löschschlauch ausrollt. Doch gerade deshalb verdient der Ausnahmezustand besondere Aufmerksamkeit, denn er verbleibt in aller Regel deutlich länger im politischen Werkzeugkasten, als ursprünglich vorgesehen.
Die Geschichte liefert dazu reichlich Anschauungsmaterial – vom römischen Diktator auf Zeit über Notstandsgesetze bis hin zur Anti-Terror-Gesetzgebung nach dem 11. September. Die Namen ändern sich, das Muster bleibt erstaunlich konstant. Je größer die wahrgenommene Bedrohung, desto geringer die Bereitschaft, lange über Alternativen zu streiten.
Auch die Wirtschaft arbeitet erfolgreich mit bedrohlichen Szenarien
Dabei sind nicht nur Staaten, sondern auch Industrien sind auf Krisenerzählungen angewiesen. Denn eine Krise ist immer auch ein ökonomischer Möglichkeitsraum. Wer eine Bedrohung überzeugend beschreibt, kann sich zugleich als Anbieter ihrer Lösung positionieren.
Die Pandemie hat dieses Zusammenspiel besonders deutlich gemacht. Die Veröffentlichung einer globalen Gesundheitskrise erzeugte nicht nur politischen Handlungsdruck, sondern auch einen beispiellosen Nachfragezyklus. Pharmazeutische Unternehmen wurden in kürzester Zeit zu zentralen Akteuren der Krisenbewältigung – nicht nur als Lieferanten von Impfstoffen, sondern als symbolische Träger der Lösung selbst. Die Erzählung der Krise und die Erzählung ihrer Überwindung waren eng miteinander verschränkt. Das eine legitimierte das andere.
Das ist per se nicht verwerflich. Jede komplexe Gesellschaft ist auf industrielle Problemlösungen angewiesen. Doch es zeigt, wie eng wirtschaftliche Interessen und öffentliche Krisenwahrnehmung miteinander verwoben sein können. Wo eine Bedrohung groß genug erscheint, entsteht fast zwangsläufig ein Markt für ihre Bewältigung – und damit auch ein Interesse daran, die Bedrohung als dauerhaft relevant zu rahmen.
In der Aneinanderreihung von Krisen wird der Ausnahmezustand zur geistigen Normalität. Wer ständig im Modus höchster Alarmbereitschaft lebt, beginnt irgendwann, ihn für den natürlichen Zustand einer Gesellschaft zu halten.
Es wäre allerdings zu einfach, darin ausschließlich eine Strategie der Regierenden zu sehen.
Krisenerzählungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Medien leben von Aufmerksamkeit, soziale Netzwerke belohnen Zuspitzung, politische Akteure profitieren von Dringlichkeit, und wir alle reagieren stärker auf Bedrohungen als auf gute Nachrichten. Der permanente Alarm ist deshalb kein Monolog der Macht. Er ist ein Chor, in dem viele Stimmen mitsingen – manche laut, manche leise, manche aus Überzeugung, manche aus wirtschaftlichem Interesse.
Vielleicht sollten wir uns deshalb eine altmodische Tugend bewahren: Gelassenheit. Nicht Gleichgültigkeit. Auch nicht Verharmlosung. Sondern jene ruhige Distanz, die es erlaubt, zwischen einer realen Gefahr und ihrer Inszenierung zu unterscheiden. Eine freie Gesellschaft behält es sich vor, auch im Angesicht einer Krise Fragen zu stellen. Auch unbequeme.
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