Deutschland kennt die Zahlen und handelt nicht

Die Leistungen deutscher Schüler sinken seit Jahren. PISA dokumentiert die Entwicklung, Bildungspolitiker erklären sie und die Öffentlichkeit nimmt sie zur Kenntnis. Deutschland hat sich an einen Zustand gewöhnt, den sich ein hoch entwickeltes Land auf Dauer nicht leisten kann.
PISA hat in Deutschland einmal einen Schock ausgelöst. Das war im Jahr 2000. Die Ergebnisse trafen ein Land, das sein Bildungssystem für leistungsfähig hielt und plötzlich feststellen musste, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht recht zusammenpassten. Die Reaktion war erheblich. Schulen wurden reformiert, Bildungsstandards eingeführt, Ganztagsangebote ausgebaut und Vergleichsarbeiten entwickelt. Deutschland bewegte sich. Die Leistungen verbesserten sich.
Das ist wichtig, weil es eine heute gern gepflegte Ausrede widerlegt: Bildung sei ein riesiger Tanker, der sich ohnehin kaum steuern lasse. Der Tanker ließ sich steuern. Man muss allerdings irgendwann das Ruder anfassen.
Danach kehrte sich die Entwicklung um. Die OECD beschreibt den Befund in ihrer aktuellen Deutschland-Auswertung in einer Klarheit, die wenig Raum für bildungspolitische Kosmetik lässt: „Die Ergebnisse von 2025 [sind] in allen drei Erhebungsbereichen die niedrigsten, die jemals im Rahmen von PISA in Deutschland gemessen wurden.“
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er bedeutet: Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften – überall Tiefstand.
Gegenüber 2015 ist der Anteil der leistungsschwachen Schüler in Deutschland in Mathematik um 17 Prozentpunkte gestiegen, beim Lesen um 15 und in den Naturwissenschaften um zehn Prozentpunkte. In Mathematik erreichen nur noch 66 Prozent der deutschen 15-Jährigen mindestens Kompetenzstufe 2. Beim Lesen sind es 68 Prozent. Rund ein Drittel verfehlt damit jeweils dieses grundlegende Niveau. Wir reden also längst über mehr als Rangplätze in einer internationalen Vergleichsstudie.
Wer einen Vertrag verstehen soll, muss lesen können. Wer einen Kredit beurteilt, braucht mathematische Grundkenntnisse. Wer politische Behauptungen prüft, muss Informationen erfassen, Zusammenhänge erkennen und Schlussfolgerungen ziehen können. PISA misst einen Ausschnitt von Bildung. Dieser Ausschnitt betrifft allerdings das Fundament.
Das vertraute Ritual
Nach der Veröffentlichung schlechter Bildungsdaten beginnt in Deutschland zuverlässig ein Schauspiel, dessen Rollen inzwischen gut verteilt sind. Es fehlen Lehrer. Corona wirkt nach. Smartphones lenken ab. Die soziale Herkunft entscheidet zu stark über Bildungschancen. Schulen brauchen mehr Geld, bessere Ausstattung und zusätzliche Förderung. Für jeden dieser Punkte gibt es gute Argumente. In ihrer Summe beschreiben sie ein Bildungssystem, das unter erheblichem Druck steht.
Dann beginnt der politische Teil der Veranstaltung. Jede Seite sucht sich bevorzugt jene Ursache aus, die zum eigenen Weltbild passt. So wird aus einer komplexen Diagnose ein Sortiment politischer Lieblingsprobleme. Corona eignet sich dafür besonders gut. Die Pandemie war real, ihre Folgen für Schulen waren erheblich. Als Universalerklärung für den Niedergang taugt sie trotzdem schlecht.
Die OECD stellt fest, dass die Leistungsrückgänge in vielen Ländern schon vor der Pandemie eingesetzt hatten. OECD-Generalsekretär Mathias Cormann brachte es bei der Vorstellung der Ergebnisse knapp auf den Punkt: „Something deeper is going on.“ Da geschieht also etwas Grundsätzlicheres. Dieser Satz verdient mehr Aufmerksamkeit als die nächste Ankündigung eines Förderprogramms.
Die Debatte, bei der Deutschland nervös wird
Zu diesem Gesamtbild gehört Migration. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Das zeigt sich zwangsläufig auch in seinen Schulen. Kinder kommen mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen, unterschiedlichen Bildungserfahrungen ihrer Familien und teilweise sehr unterschiedlichen bisherigen Schulbiografien in dieselben Klassen. Das sagt nichts über die Begabung eines Kindes aus. Es sagt aber sehr viel über die Anforderungen an eine Schule.
Ein Kind, das die Unterrichtssprache noch nicht ausreichend beherrscht, benötigt intensive Sprachförderung. Eine Klasse, in der mehrere Kinder diese Förderung brauchen, stellt andere Anforderungen an Lehrer und Unterricht als eine Klasse, in der nahezu alle Schüler sprachlich problemlos folgen können. Das ist keine Ideologie. Es ist Unterrichtsrealität.
Trotzdem wird die Debatte darüber zuverlässig vermint. Die eine Seite erklärt Migration zur Generallösung des Rätsels. Die andere fasst das Thema mit jener Vorsicht an, die man gewöhnlich dem roten Draht einer Bombe entgegenbringt. Beides hilft den Schulen wenig.
Eine vernünftige Bildungspolitik muss Herkunft, Sprachkompetenz, sozialen Status und familiären Bildungshintergrund auseinanderhalten und ihren jeweiligen Einfluss untersuchen. Wer diese Faktoren vermischt, produziert politische Schlagworte. Wer einen davon aus Rücksicht auf die politische Temperatur ausblendet, produziert schlechte Analyse. Schüler haben von beidem nichts.
Der Lehrermangel ist inzwischen messbar
Auch bei der Personalausstattung liefert PISA Zahlen, die über das übliche Klagen aus dem Lehrerzimmer hinausgehen. 52 Prozent der deutschen Schüler besuchen Schulen, deren Leitungen angeben, dass der Unterricht durch Lehrkräftemangel zumindest teilweise beeinträchtigt wird. Im OECD-Durchschnitt sind es 39 Prozent. Mehr als jeder zweite Schüler in Deutschland besucht demnach eine Schule, an der die Leitung Personalmangel als Belastung des Unterrichts wahrnimmt. Das ist kein kleiner Riss mehr im Putz. Deutschland diskutiert seit Jahren über einen Lehrermangel, der inzwischen mitten im Klassenzimmer angekommen ist.
Mehr Abschlüsse, mehr Bildung?
Daneben existiert ein zweites Problem, das wesentlich seltener betrachtet wird. Deutschland hat den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen in den vergangenen Jahrzehnten stark erweitert. Mehr junge Menschen erwerben das Abitur und beginnen ein Studium. Immer größere Teile eines Jahrgangs erreichen formale Qualifikationen, die früher einer kleineren Gruppe vorbehalten waren. Das ist gesellschaftlich ein Erfolg, solange mit den Abschlüssen die entsprechenden Fähigkeiten verbunden sind.
Nur taucht an dieser Stelle ein unbequeme Frage auf: Was bedeutet es, wenn Bildungsabschlüsse auf hohem Niveau bleiben oder häufiger werden, während gleichzeitig messbare Grundkompetenzen sinken? Dann geraten zwei Messinstrumente durcheinander. Das eine erfasst Zertifikate, das andere Fähigkeiten.
Ein Zeugnis dokumentiert einen Abschluss. PISA versucht zu erfassen, was Jugendliche mit erworbenem Wissen tatsächlich anfangen können. Die Frage lautet deshalb nicht, ob zu viele junge Menschen Abitur machen oder studieren. Entscheidend ist, welchen verlässlichen Kompetenzstand ein Abschluss bescheinigt. Ein Land kann auf dem Papier immer gebildeter aussehen und gleichzeitig an grundlegenden Fähigkeiten verlieren. Das wäre eine ausgesprochen deutsche Form des Fortschritts: Die Urkunde stimmt, nur der Inhalt wird dünner.
Dann kam die künstliche Intelligenz
Während Deutschland noch versucht, die bisherigen Probleme seines Bildungssystems zu sortieren, sitzt längst ein neuer Mitschüler im Klassenzimmer. Er heißt künstliche Intelligenz. Die Hälfte der deutschen 15-Jährigen gibt inzwischen an, mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots als Lernhilfe zu verwenden. 36 Prozent nutzen KI, um Texte zusammenzufassen. Ebenfalls 36 Prozent lassen sich damit Texte für Hausaufgaben entwerfen.
Das ist keine Zukunftsprognose. Das geschieht jetzt.
KI kann ein hervorragender Lehrer sein. Sie kann mathematische Zusammenhänge auf unterschiedliche Weise erklären, beim Sprachenlernen helfen, Übungen erstellen und sich dem Lerntempo eines Schülers anpassen. Sie besitzt allerdings eine zweite Eigenschaft: Sie kann genau jene geistige Arbeit übernehmen, durch die Lernen überhaupt erst entsteht. Cormann formulierte dazu einen bemerkenswert einfachen Satz: „Students learn by wrestling with hard questions.“ Schüler lernen also, indem sie sich mit schwierigen Fragen abmühen.
Das klingt fast altmodisch. Gerade deshalb trifft es den Kern. Lernen ist Reibung. Man versteht einen schwierigen Text, indem man sich durch ihn arbeitet. Man lernt argumentieren, indem man selbst nach Argumenten sucht. Man entwickelt mathematisches Verständnis, indem man vor einer Aufgabe sitzt, deren Lösung zunächst verborgen bleibt. KI kann diese Reibung verringern. Sie kann sie auch beseitigen. Dann wird aus einem Werkzeug eine Krücke.
Die OECD warnt entsprechend davor, KI als Ersatz für „attention, effort and understanding“ zu verwenden – für Aufmerksamkeit, Anstrengung und Verständnis. Damit steht das Bildungssystem vor einer Aufgabe, die weit über die Frage hinausgeht, ob ChatGPT bei Hausaufgaben erlaubt sein soll. Es muss bestimmen, welche Fähigkeiten ein Mensch im Zeitalter leistungsfähiger Maschinen selbst beherrschen muss.
Das Smartphone auf dem Tisch
Auch der digitale Alltag hinterlässt Spuren. Schüler in Deutschland, die von digitaler Ablenkung im naturwissenschaftlichen Unterricht berichten, erzielen nach Bereinigung um sozioökonomische Faktoren im Durchschnitt acht Punkte weniger als Jugendliche, die diese Ablenkung nicht erleben. 64 Prozent der deutschen Schüler besuchen inzwischen Schulen, in denen Handys auf dem Schulgelände verboten sind. Offenbar entdeckt die digitalisierte Schule gerade eine revolutionäre pädagogische Technologie wieder: Aufmerksamkeit.
Das klingt banal. Doch Aufmerksamkeit ist inzwischen ein knappes Gut. Lesen verlangt Konzentration. Mathematik verlangt Konzentration. Ein komplexer Gedanke verlangt Konzentration. Smartphones und soziale Medien verdienen ihr Geld dagegen häufig damit, Aufmerksamkeit möglichst oft zu unterbrechen.
Zwei Systeme kämpfen damit um dieselbe Ressource. Das eine heißt Schule. Das andere besitzt das bessere Geschäftsmodell.
Bildung ist Infrastruktur
Deutschland behandelt Bildung gern als sozialpolitisches Thema. Dabei ist sie ebenso wirtschaftliche und demokratische Infrastruktur. Ein Industrieland braucht Fachkräfte, die komplexe Anlagen verstehen. Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die Probleme erkennen und eigenständig lösen können. Verwaltungen benötigen Menschen, die Regeln verstehen und auf konkrete Fälle anwenden. Das Klassenzimmer ist damit längst auch Wirtschaftsstandort.
Eine Demokratie wiederum ist darauf angewiesen, dass ihre Bürger Informationen einordnen und Behauptungen überprüfen können. Gerade künstliche Intelligenz erhöht diese Anforderungen. Je besser Maschinen darin werden, überzeugende Antworten zu produzieren, desto wichtiger wird die menschliche Fähigkeit, deren Qualität beurteilen zu können. Lesekompetenz bedeutet deshalb weit mehr als die Fähigkeit, Buchstaben in Wörter zu verwandeln. Sie entscheidet darüber, ob ein Mensch die Welt, die ihm präsentiert wird, eigenständig beurteilen kann
Deutschland kennt das Problem
Deutschland weiß seit Jahren, dass die Leistungen sinken. Es weiß um den Lehrermangel. Es kennt den Einfluss der sozialen Herkunft. Es kennt die sprachlichen Schwierigkeiten vieler Kinder. Es kennt die Probleme digitaler Ablenkung und inzwischen auch die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz. Zu fast jedem Punkt existieren Studien, Kommissionen, Programme, Modellversuche und politische Erklärungen. An Papier herrscht im deutschen Bildungssystem kein Mangel.
Der Mangel liegt bei der Konsequenz. Nach dem ersten PISA-Schock reagierte Deutschland, weil das Ergebnis das eigene Selbstverständnis traf. Heute erscheinen schlechte Bildungsdaten regelmäßig in den Nachrichten. Minister zeigen sich besorgt, Experten werden interviewt, Verbände fordern Konsequenzen. Einige Tage später zieht die Karawane weiter. Aus dem PISA-Schock ist ein PISA-Ritual geworden.
Und während Deutschland über Ursachen, Zuständigkeiten und Förderprogramme diskutiert, sitzen die 15-Jährigen in den Klassenzimmern und beginnen in wenigen Jahren eine Ausbildung, studieren, gründen Unternehmen, pflegen Kranke, bedienen Maschinen, programmieren Software, wählen Parlamente und bezahlen Rechnungen. Sie werden in einer Welt leben, in der Maschinen immer mehr wissen und immer überzeugender formulieren können. Gerade deshalb müssen Menschen denken können.
Deutschland kennt die Zahlen. Jetzt müsste es nur noch so handeln, als hätte es sie verstanden.
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