In diese Fallen sollte niemand tappen

Es gibt Fragen, auf die wir antworten, obwohl wir besser erst einmal über die Frage nachdenken sollten. Manche sind kleine rhetorische Kunstwerke. Sie schaffen Tatsachen, verteilen Rollen und lassen uns zwischen Möglichkeiten wählen, die wir selbst nie vorgeschlagen haben. Das Erstaunliche daran: Wir hören sie jeden Tag. Und vermutlich benutzen wir sie selbst. Selbstverständlich nur in bester Absicht.
„Ich habe für uns einen Termin gemacht. Geht das in Ordnung?“ – Natürlich geht das in Ordnung. Meistens jedenfalls. Jemand hat sich gekümmert, zum Telefon gegriffen oder ein paar Daten in irgendeinen digitalen Kalender getippt. Das ist freundlich, praktisch und zeugt von erfreulicher Tatkraft. Interessant ist nur die Reihenfolge: Erst wurde der Termin gemacht, dann kommt die Frage.
Eigentlich hätte sie vorher kommen müssen: „Soll ich für uns einen Termin machen?“ Das wäre allerdings eine echte Frage gewesen, und echte Fragen haben einen kleinen Nachteil. Man weiß vorher nicht, wie die Antwort ausfällt. Bei der nachträglichen Variante ist dieses Risiko deutlich geringer. Wer jetzt widerspricht, muss einen bereits vereinbarten Termin wieder aus der Welt schaffen. Vielleicht hat ein Dritter ihn längst in seinem Kalender stehen. Vielleicht wurde sogar ein Raum reserviert. Schon bekommt ein einfaches Nein den Beigeschmack einer kleinen Verwaltungsrevolte. Niemand wurde zu etwas gezwungen, und doch steht es plötzlich eins zu null für denjenigen, der schneller gehandelt hat.
Sprache kann erstaunlich effizient sein. Dafür braucht sie weder einen Sitzungssaal noch eine Werbeagentur. Eine Küche reicht völlig. Das gilt auch für eine Frage wie: „Wann willst du mir eigentlich sagen, warum du dagegen bist?“ Ein guter Moment, um ausführlich zu erklären, weshalb man Bedenken hat. Vielleicht setzt man zu einer längeren Begründung an, wägt Argumente ab und versucht, besonders vernünftig zu wirken. Mit etwas Ehrgeiz kann man sich fünf Minuten später hervorragend für eine Position rechtfertigen, die man ursprünglich gar nicht vertreten hat. Aber wer sagt eigentlich, dass ich dagegen bin?
Der kleine Trick steckt im „Warum“. Das Dagegensein ist bereits erledigt, jetzt fehlen nur noch die Gründe. Ähnlich hübsch funktioniert „Warum vertraust du mir eigentlich nicht?“ Wer daraufhin ausführlich seine Vertrauenslage erläutert, hat die Ausgangsbehauptung freundlicherweise gleich mit übernommen. Das spart dem Fragenden eine Menge Arbeit.
Dabei kann man solche Fragen wunderbar zurückgeben: „Wie kommst du darauf, dass ich dagegen bin?“ Plötzlich liegt der Erklärungsbedarf auf der anderen Seite. Das Gespräch beginnt gewissermaßen noch einmal, diesmal an der richtigen Stelle. Ein kleiner Neustart, ganz ohne technischen Kundendienst.
Eine Spur feiner geht es mit der Moral. „Dir ist doch auch wichtig, dass wir hier fair miteinander umgehen, oder?“ Da möchte man ungern widersprechen. Wer antwortet schon gern: „Fairness? Völlig überschätzt. Ich persönlich bevorzuge Willkür.“ Also sagt man Ja. Und dann kommt, was kommen muss: „Dann wirst du sicher verstehen, warum …“
Fairness hat damit ihren Auftritt absolviert und soll nun noch schnell eine Entscheidung legitimieren. Dabei können zwei Menschen leidenschaftlich für Fairness eintreten und sich trotzdem darüber streiten, was im konkreten Fall gerecht wäre. Das ist bedauerlich für die Rhetorik, aber gelegentlich hilfreich für die Wirklichkeit.
Die Familie bietet dafür reichlich Anschauungsmaterial. „Wir wollen doch beide nur das Beste für die Kinder.“ Das stimmt fast immer und hilft bei der Frage, was denn nun das Beste ist, erstaunlich wenig. Auch in Unternehmen funktioniert es: „Uns allen geht es doch darum, dass die Firma erfolgreich bleibt.“ Gewiss. Kaum ein Mitarbeiter dürfte morgens mit dem festen Vorsatz erscheinen, den Laden bis zum Feierabend wirtschaftlich zugrunde zu richten. Trotzdem lässt sich aus dem gemeinsamen Wunsch nach Erfolg weder ein Investitionsplan noch eine Überstundenregelung ableiten.
Solche Sätze sind angenehm, weil sie Gemeinsamkeit schaffen. Schwieriger wird es erst, wenn die Gemeinsamkeit gleich noch eine bestimmte Schlussfolgerung mitliefern soll. Dann darf man Fairness, Kindeswohl oder Unternehmenserfolg ruhig bejahen und trotzdem beim eigentlichen Streitpunkt bleiben. Die Zivilisation hält das in aller Regel aus.
Sehr beliebt ist auch die Auswahl, bei der jemand freundlicherweise schon vorsortiert hat. „Willst du das heute erledigen oder lieber morgen früh?“ Heute wäre knapp. Morgen früh vielleicht besser. Man schaut in den Kalender, denkt über die übrigen Termine nach und hat damit fast vergessen, eine andere Frage zu stellen: Wieso eigentlich ich?
Eltern beherrschen diese Technik seit Generationen. „Willst du zuerst die Zähne putzen oder den Schlafanzug anziehen?“ Für einen Fünfjährigen ist das eine durchaus großzügige Auswahl. Die Möglichkeit, den Abend mit ungeputzten Zähnen vor dem Fernseher zu verbringen, befindet sich verständlicherweise nicht im Angebot. Man sollte demokratische Mitbestimmung schließlich auch nicht übertreiben.
Unter Erwachsenen wirkt dasselbe Prinzip nur etwas eleganter. „Treffen wir uns Dienstag oder Mittwoch?“ – „Machst du die Präsentation allein oder soll Thomas dir helfen?“ – „Fahren wir Freitagabend oder Samstagmorgen?“ Man beschäftigt sich sofort mit den angebotenen Möglichkeiten und übersieht leicht, dass jemand die Grundsatzentscheidung bereits kostenlos mitgeliefert hat.
Vielleicht liegt darin sogar eine kleine menschliche Schwäche: Sobald uns zwei Möglichkeiten angeboten werden, wollen wir offenbar eine auswählen. A oder B? Dann nehmen wir eben B. Das fühlt sich schließlich nach Entscheidung an. Auf die Idee, dass es noch C geben könnte oder dass die ganze Frage verfrüht ist, kommen wir häufig erst später. Verkäufer wissen das vermutlich schon etwas länger als wir.
Und dann gibt es noch Thomas. Thomas ist dieser wunderbare Mensch, der alles besser verkraftet als wir. „Findest du nicht auch, dass Thomas damit wesentlich entspannter umgeht als du?“ Nun könnte man erklären, dass Thomas eine völlig andere Situation hat. Man könnte seine Arbeitsbelastung mit der eigenen vergleichen, seine familiären Verpflichtungen untersuchen und irgendwann wahrscheinlich auch noch feststellen, dass Thomas im Urlaub grundsätzlich besser schläft. Bei entsprechender Gründlichkeit ließe sich daraus eine kleine sozialwissenschaftliche Studie entwickeln. Man könnte aber auch fragen, weshalb Thomas plötzlich das Maß aller Dinge ist.
Vergleiche dieser Art sind erstaunlich wirkungsvoll. „Deine Schwester sieht das viel gelassener.“ „Die anderen im Team haben damit kein Problem.“ „Peter schafft das schließlich auch neben seiner normalen Arbeit.“ Irgendwo gibt es immer einen Thomas, Peter oder eine Schwester, die gerade hervorragend dazu geeignet sind, uns ein wenig unzulänglich aussehen zu lassen. Sie müssen dafür nicht einmal anwesend sein. Das macht ihre Verwendung besonders unkompliziert.
Ob der Vergleich trägt, ist eine andere Sache. Vielleicht flucht Peter jeden Abend zu Hause über seine Arbeit. Vielleicht schweigen die Kollegen lediglich in der Sitzung. Und womöglich ist die Schwester gar nicht gelassener, sondern hat schlicht keine Lust, darüber zu reden. Thomas wiederum könnte durchaus ein entspannter Mensch sein. Man soll ihm schließlich nichts unterstellen.
Das eigentlich Interessante an diesen kleinen sprachlichen Manövern ist ihre Harmlosigkeit. Sie kommen ohne große Worte aus und gehören zu ganz normalen Gesprächen. Man muss dafür auch kein genialer Manipulator sein. Wahrscheinlich haben die meisten von uns schon einen Termin gemacht und erst hinterher gefragt, ob er passt. Vielleicht haben wir jemandem auch schon die Wahl zwischen Dienstag und Mittwoch gelassen, obwohl noch gar nicht feststand, ob er uns überhaupt treffen wollte. In eigener Sache nennen wir so etwas gewöhnlich Organisationstalent.
Das macht die Sache eher menschlich als finster. Wir versuchen mit Sprache schließlich ständig, etwas zu erreichen. Wir möchten überzeugen, einen Streit vermeiden, eine Entscheidung beschleunigen oder unseren Willen durchsetzen. Gelegentlich helfen wir dabei ein wenig nach. Beim anderen erkennen wir Manipulation meist recht zuverlässig. Bei uns selbst heißt sie eher geschickte Gesprächsführung.
Spannend wird es, wenn man anfängt, auf diese kleinen Verschiebungen zu achten. Dann hört sich manches plötzlich anders an. Hinter „Geht das in Ordnung?“ entdeckt man eine Entscheidung, die schon gefallen ist. Hinter dem „Warum“ kann eine Behauptung stecken. Zwei angebotene Möglichkeiten müssen längst nicht alle Möglichkeiten sein. Und Thomas darf weiterhin ein beneidenswert entspannter Mensch bleiben, ohne deshalb zum Maßstab für den Rest der Menschheit zu werden.
Große rhetorische Gegenwehr braucht es dafür kaum. Ein „Moment mal“ reicht manchmal schon. Anschließend kann man immer noch über Dienstag oder Mittwoch reden, über Fairness, die Präsentation oder den bereits vereinbarten Termin.
Der Charme dieser kleinen sprachlichen Tricks: Sobald man sie einmal erkannt hat, begegnen sie einem überall. Bei anderen selbstverständlich häufiger als bei uns selbst.
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