Die erstaunlich vernünftige Generation Z

Es gehört zu den liebgewonnen Ritualen jeder älteren Generation, den Zustand der Jugend mit der Miene eines Pathologen zu begutachten. Früher, so heißt es, habe man draußen gespielt, heute spiele man nur noch am Smartphone. Früher sei man auf Bäume geklettert, heute allenfalls noch auf die Bettdecke. Und überhaupt: Diese Jugend! Immer online, ständig überfordert und dabei erstaunlich empfindlich.

Allderdings zeichnen jüngste Untersuchungen ein Bild, das deutlich differenzierter ausfällt. Die Shell-Jugendstudie 2024, die seit mehr als sieben Jahrzehnten eine Art Seismograph für junge Befindlichkeiten bildet, kommt zu einem bemerkenswerten Befund: Die Jugendlichen blicken mit Sorge auf die Welt – aber erstaunlich zuversichtlich auf ihr eigenes Leben. Mit anderen Worten: Es wird befürchtet, dass das Schiff leckschlägt, aber man ist überzeugt, das eigene Rettungsboot werde schon irgendwie schwimmen.

Wer heute zwanzig ist, hat in wenigen Jahren mehr Krisen erlebt als manche Generation zuvor in Jahrzehnten: Pandemie, Krieg in Europa, Inflation, Klimawandel, Energiekrise, politische Polarisisierung und eine Nachrichtenlage, die sich anfühlt wie ein Dauerlauf durch den Maschinenraum der Apokalypse. Wer morgens das Smartphone einschaltet, betritt gewissermaßen eine digitale Geisterbahn. Hinter jeder Ecke lauert eine neue Katastrophe.

Und dennoch geben die meisten Jugendlichen an, an ihre persönliche Zukunft zu glauben. Soziologe Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Studie: „Die Jugend ist realistischer geworden.“ Während viele Erwachsene noch nostalgisch in den Rückspiegel blicken, haben junge Menschen gelernt, im Nebel zu fahren. Sie rechnen nicht mehr mit einer geraden Autobahn ins Glück, sondern fahren auf Sicht.

Auch andere Untersuchungen bestätigen diesen Eindruck. Das SINUS-Institut beschreibt Jugendliche als sicherheitsorientiert. Familie, verlässliche Beziehungen und ein stabiler Beruf erleben eine Renaissance. Ausgerechnet jene Generation, der man jahrzehntelang Bindungsangst unterstellte, entdeckt die Sehnsucht nach Verlässlichkeit wieder. Das Wohlstandsversprechen von einst ist zerbröselt. Das Eigenheim mag finanziell außer Reichweite liegen – der Wunsch nach einem festen Fundament ist geblieben.

Noch bemerkenswerter ist, dass Familie und Freundschaften inzwischen deutlich höher bewertet werden als Statussymbole oder möglichst spektakuläre Selbstverwirklichung. Das klingt beinahe altmodisch – und wirkt gerade deshalb erstaunlich modern. Rebellion gegen den Zeitgeist? Während Influencer täglich neue Selbstoptimierungsprogramme verkaufen, scheint ein wachsender Teil der Jugend etwas sehr Altmodisches zu suchen: Normalität.

An dieser Stelle erhält das Bild allerdings einen feinen Riss. Die aktuelle Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ fördert einen Befund zutage, der aufhorchen lässt. Jeder fünfte junge Mensch plant demnach ganz konkret, Deutschland zu verlassen. Langfristig können sich sogar rund 41 Prozent der 14- bis 29-Jährigen vorstellen, ihre Zukunft lieber in einem anderen Land zu gestalten.

Das ist mehr als jugendliche Abenteuerlust. Wer mit zwanzig die Koffer packen möchte, träumt nicht zwangsläufig von Palmen, Pubs oder Pasta. Viele suchen schlicht das, was sie hier immer seltener zu finden glauben: bezahlbaren Wohnraum, finanzielle Planbarkeit und berufliche Perspektiven. Der Blick über die Landesgrenzen wirkt dabei weniger wie Fernweh als wie eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung.

Man sollte diese Zahlen allerdings nicht vorschnell als Abkehr von Deutschland missverstehen. Sie sind eher ein Stimmungsbarometer. Junge Menschen laufen nicht davon, weil sie ihre Heimat nicht mögen. Sie schauen sich nach Alternativen um, weil sie fürchten, dass der gesellschaftliche Fahrstuhl hierzulande ins Stocken geraten ist. Wenn fast jeder Zweite zumindest mit dem Gedanken spielt, anderswo neu anzufangen, dann ist das weniger eine Liebeserklärung an das Ausland als eine Mahnung an das Inland.

Ebenso überraschend fällt der Blick auf die sozialen Medien aus. Ausgerechnet jene Generation, die mit Instagram, TikTok und Snapchat aufgewachsen ist, betrachtet diese Plattformen zunehmend mit kritischem Blick. Viele Jugendliche berichten selbst von Vergleichsdruck, permanenter Erreichbarkeit und einer digitalen Erschöpfung, die früher vor allem Erwachsene beklagten. Man könnte sagen: Niemand kennt die Schattenseiten eines Vergnügungsparks besser als diejenigen, die dort jeden Tag arbeiten.

Auch politisch ist Bewegung zu erkennen. Das Interesse an gesellschaftlichen Fragen ist deutlich gestiegen. Demokratie ist für die große Mehrheit keine lästige Verwaltungsform, sondern ein schützenswertes Gut. Gleichzeitig wächst allerdings das Misstrauen gegenüber der Fähigkeit der Politik, große Probleme tatsächlich zu lösen.

Darin steckt einer der spannendsten Befunde der Studien: Das Vertrauen in die demokratische Ordnung bleibt hoch, das Vertrauen in ihre Akteure sinkt. Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer Generation, die sehr wohl zwischen dem Wert eines Systems und der Qualität seiner Verwaltung unterscheiden kann.

Besonders aufschlussreich ist dabei eine Beobachtung, die fast alle Studien verbindet. Die größte Sorge gilt nicht der eigenen Karriere. Es sind Krieg, Klimawandel, gesellschaftliche Spaltung und wirtschaftliche Unsicherheit.

Wer ständig Krisen bewältigt, entwickelt Fähigkeiten, die sich in keiner Schulnote ausdrücken lassen. Anpassungsfähigkeit. Improvisation. Gelassenheit gegenüber Unsicherheiten. Die Generation Z gleicht weniger einer empfindlichen Mimose als vielmehr einem Bambus: biegsam, manchmal schwankend, aber erstaunlich schwer zu brechen.

Natürlich gibt es Schattenseiten. Psychische Belastungen haben zugenommen. Der Druck durch soziale Medien ist real. Der Vergleich mit perfekt inszenierten Online-Leben nagt am Selbstwertgefühl vieler Jugendlicher. Doch bemerkenswert ist etwas anderes: Gerade diejenigen, die mit Instagram, TikTok und Co. aufgewachsen sind, sehen deren Risiken oft klarer als viele Erwachsene, die soziale Netzwerke entweder verteufeln oder verklären.

Die Jugend ist weder verloren noch verweichlicht. Sie ist vorsichtiger geworden. Pragmatischer. Ernsthafter. Vielleicht sogar erwachsener, als wir ihr zutrauen.