DAX und deutsche Wirtschaft: Zwei getrennte Welten

Die deutsche Wirtschaft meldet Insolvenzen, Werksschließungen und Zehntausende verlorene Arbeitsplätze. Gleichzeitig erreicht der DAX neue Rekordstände. Das wirkt widersinnig – ist aber vor allem ein Hinweis darauf, dass Börse, Wirtschaft und Wohlstand längst nicht mehr dasselbe erzählen.
Am Morgen kündigt ein Industriekonzern den Abbau Tausender Arbeitsplätze an. Mittags meldet das Statistische Bundesamt steigende Unternehmensinsolvenzen. Am Nachmittag warnt ein Wirtschaftsverband vor hohen Energiepreisen, ausufernder Bürokratie und schwindender Wettbewerbsfähigkeit. Und kurz vor Börsenschluss erscheint die Eilmeldung: Der DAX erreicht ein neues Allzeithoch.
Während in den Werkshallen das Licht ausgeht, knallen auf dem Frankfurter Parkett die Sektkorken. Deutschland steckt wirtschaftlich in argen Schwierigkeiten – aber sein bedeutendster Aktienindex bleibt davon unbeeindruckt.
Anfang August 2026 stieg der DAX zeitweise auf mehr als 26.000 Punkte und erreichte damit einen weiteren Rekord. Gleichzeitig lesen sich die Nachrichten aus der Realwirtschaft erheblich weniger festlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im ersten Quartal insgesamt 6.275 Unternehmensinsolvenzen beantragt, 6,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Schon 2025 waren mehr als 24.000 Unternehmen in die Insolvenz gegangen – der höchste Stand seit vielen Jahren.
Auch auf dem Arbeitsmarkt hat die viel beschworene Transformation inzwischen einen schrillen Klang. In der Industrie gingen im vergangenen Jahr rund 120.000 Arbeitsplätze verloren. Ende des ersten Quartals 2026 beschäftigten die deutschen Industrieunternehmen nach einer Auswertung der Beratungsgesellschaft EY noch einmal etwa 127.000 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Automobilhersteller, Zulieferer, Chemieunternehmen und Stahlkonzerne kündigen Sparprogramme an, deren Stellenzahlen längst nicht mehr in Hunderten, sondern in Tausenden angegeben werden.
Und der DAX? Er steigt.
Der Widerspruch löst sich zunächst recht nüchtern auf: Der DAX ist kein Abbild der deutschen Volkswirtschaft. Er ist ein Aktienindex, der die Entwicklung von 40 großen börsennotierten Unternehmen wiedergibt. Deutschland besteht aber nicht aus 40 Konzernen. Es besteht aus mehreren Millionen Unternehmen, aus Handwerksbetrieben, Gastronomen, Bauunternehmen, Einzelhändlern, Pflegeeinrichtungen, Speditionen und mittelständischen Zulieferern. Die meisten von ihnen werden niemals Teil eines Börsenindex sein. Ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten erscheinen in der Insolvenzstatistik und nicht auf der Anzeigetafel in Frankfurt.
Hinzu kommt, dass viele DAX-Unternehmen nur noch bedingt als deutsche Unternehmen im klassischen Sinne gelten können. Sie haben ihren Sitz oder ihre Börsennotierung hier, erwirtschaften große Teile ihrer Umsätze aber auf internationalen Märkten. Was in einer Fußgängerzone in Essen, einer Maschinenhalle in Baden-Württemberg oder einem Autohaus in Brandenburg geschieht, ist für ihre Bilanz weniger entscheidend als die Nachfrage in den Vereinigten Staaten, China oder Indien.
Der DAX misst deshalb nicht, wie es Deutschland geht. Er misst, was Anleger den größten börsennotierten Konzernen zutrauen. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Besonders sichtbar wird er beim Stellenabbau. Für die Beschäftigten bedeutet die Ankündigung, dass 10.000 Arbeitsplätze entfallen sollen, eine existenzielle Bedrohung. Für den Kapitalmarkt kann dieselbe Nachricht ein Grund zum Kauf sein. Weniger Beschäftigte bedeuten geringere Kosten, höhere Margen und möglicherweise steigende Gewinne. Was vor dem Werkstor Angst auslöst, heißt in der Sprache der Börse „Effizienzprogramm“. Der Verlust des Arbeitsplatzes wird dort nicht als soziales Ereignis verbucht, sondern als eingesparte Kostenposition.
Anleger tun im Wesentlichen das, wofür Kapitalmärkte eingerichtet wurden: Sie bewerten die Aussicht auf künftige Gewinne. Nur folgt daraus eben, dass eine steigende Aktie keineswegs bedeuten muss, dass ein Unternehmen mehr produziert, mehr investiert oder mehr Menschen beschäftigt. Manchmal steigt sie gerade deshalb, weil es künftig weniger davon tun will.
Die Börse blickt zudem nicht auf die Gegenwart, sondern handelt Erwartungen. Anleger kaufen keine abgeschlossenen Geschäftsjahre, sondern Vorstellungen von der Zukunft. Sie setzen auf sinkende Zinsen, staatliche Infrastrukturprogramme, höhere Verteidigungsausgaben, eine Belebung der Weltwirtschaft oder eine Stabilisierung der Energiepreise. Ob diese Hoffnungen eintreten, steht auf einem anderen Blatt. An der Börse wird dieses Blatt allerdings schon gehandelt, bevor es beschrieben ist.
Auch die Zusammensetzung des DAX trägt zur optischen Pracht bei. Nicht jedes der 40 Unternehmen beeinflusst den Index im gleichen Maße. Große Konzerne mit hoher Marktkapitalisierung haben ein deutlich stärkeres Gewicht. Steigen einige Schwergewichte kräftig, können sie schwächere Unternehmen überstrahlen. Die Gewinner aus Software, Versicherungen, Rüstung, Energie oder internationalem Anlagenbau ziehen den Index nach oben, während weite Teile des deutschen Mittelstands mit Finanzierungskosten, Fachkräftemangel, Energiekosten und Regulierung kämpfen.
Der DAX ist insofern wie ein Gruppenfoto, auf dem die größten Personen in der ersten Reihe stehen. Wer dahinter bereits auf die Knie gegangen ist, sieht man nicht unbedingt.
Zudem ist der gewöhnlich genannte DAX ein sogenannter Performance-Index. Dividenden werden rechnerisch so behandelt, als würden sie wieder in die enthaltenen Aktien investiert. Dadurch wächst der Index langfristig stärker als ein reiner Kursindex. Auch die Inflation hilft bei der Produktion neuer Rekorde: Ein nominaler Höchststand sagt noch nichts darüber aus, wie viel reale Kaufkraft dahintersteht. 26.000 Punkte sehen eindrucksvoll aus, doch auch Zahlen altern – nur geschieht dies auf Börsentafeln erheblich diskreter als an der Supermarktkasse.
Dass ausländische Anleger einen großen Teil der DAX-Aktien besitzen, verstärkt die Entkopplung zusätzlich. Sie investieren nicht aus Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern weil sie internationale Geschäftsmodelle, Gewinne und Dividenden attraktiv finden. Ein Konzern kann für seine Aktionäre erfolgreich sein und gleichzeitig Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, Produktion verlagern oder Investitionen an anderen Standorten tätigen. Für die Aktie muss das kein Widerspruch sein. Für das Land ist es ein Desaster.
Die Bundesbank erwartet für Deutschland 2026 zwar wieder ein leichtes reales Wachstum. Mit prognostizierten 0,5 Prozent bleibt der Aufschwung jedoch überschaubar. Nach Jahren der Stagnation wirkt schon das Ausbleiben einer weiteren Schrumpfung beinahe wie eine Erfolgsmeldung. Auch das gehört zur neuen wirtschaftspolitischen Bescheidenheit: Wo früher Dynamik versprochen wurde, gilt heute bereits Stillstand mit leichtem Vorwärtsdrall als Hoffnungsschimmer.
Dass der DAX steigt, ist unproblematisch. Problematisch ist, was wir aus seinem Anstieg herauslesen. Ein Aktienindex kann Rekorde feiern, während die industrielle Substanz eines Landes schwindet. Er kann steigen, obwohl Unternehmen schließen, Investitionen ausbleiben und gut bezahlte Arbeitsplätze gestrichen werden.
Der DAX ist damit nicht falsch. Er beantwortet nur eine andere Frage.
Er sagt etwas darüber aus, wie internationale Anleger die Gewinnchancen einiger großer Konzerne einschätzen. Er sagt wenig darüber, ob ein mittelständischer Betrieb seine Stromrechnung bezahlen kann, ob eine Familie einen sicheren Arbeitsplatz behält und davon leben kann oder ob Deutschland als Produktionsstandort den Wettbewerb künftig noch besteht.
-

Das PISA-Ritual
Deutschland kennt die Zahlen und handelt nicht Die Leistungen deutscher Schüler sinken seit […]
-

Das gepolsterte Leben
Über eine Gesellschaft, die Widerstände für Erziehungsfehler hält Die westliche Gesellschaft hat ein […]
