Zeit ist relativ, besonders im Wartezimmer

Ein Arzttermin ist eine bemerkenswerte Verabredung. Man hat eine Uhrzeit, aber keinen Zeitpunkt.

Der Termin ist um 10.20 Uhr. Also erscheint der Patient um 10.10 Uhr. Das gehört sich so. Schließlich wird in Arztpraxen nicht selten darum gebeten, Termine pünktlich wahrzunehmen. An der Anmeldung werden Name und vielleicht noch Geburtsdatum genannt. Die Mitarbeiterin schaut auf ihren Bildschirm und sagt jenen Satz, mit dem in deutschen Arztpraxen die Zeitrechnung vorübergehend außer Kraft gesetzt wird: „Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz.“

Es ist 10.13 Uhr. Im Wartezimmer sitzen sechs Menschen. Eine ältere Dame liest eine Zeitschrift, ein Mann betrachtet die Wand, eine jüngere Frau hat die Augen geschlossen. Vielleicht schläft sie. Vielleicht ist sie schon länger hier und hat aufgegeben. An der Wand hängt ein Schild: Bitte halten Sie Ihre Termine ein. Ein vernünftiger Hinweis. Noch jedenfalls.

Die Rekonstruktion der Reihenfolge

Um 10.20 Uhr geschieht nichts. Das ist nicht überraschend. Kein erfahrener Patient erwartet ernsthaft, bei einem Arzttermin um 10.20 Uhr tatsächlich um 10.20 Uhr behandelt zu werden. Man ist schließlich kein Anfänger. Um 10.28 Uhr öffnet sich eine Tür. „Frau Schmitz?“ Die ältere Dame erhebt sich. Sofort beginnt die heimliche Rekonstruktion der Reihenfolge. Saß sie schon dort, als der Patient kam? Ja. Wahrscheinlich. Hoffentlich.

Denn in einem Wartezimmer entwickelt der Mensch erstaunlich schnell Fähigkeiten, die ansonsten Nachrichtendiensten vorbehalten sind. Ankunftszeiten werden registriert, Gesichter gespeichert und Reihenfolgen rekonstruiert. Der Mann gegenüber war eindeutig früher da. Die Frau am Fenster kam später. Beim Herrn mit der braunen Jacke ist die Sache dagegen unklar. Wann ist der eigentlich gekommen? Niemand weiß es genau. Das macht ihn verdächtig.

Um 10.37 Uhr wird die Frau am Fenster aufgerufen. Ein schwerer Schlag für alle, die ihre persönliche Warteliste inzwischen sorgfältig führen. Sie kam später. Mehrere Augenpaare bewegen sich für Sekundenbruchteile durch den Raum. Blicke treffen sich und verschwinden wieder. Für einen kurzen Moment entsteht jene lautlose Solidarität, die Menschen verbindet, denen offenbar dasselbe Unrecht widerfährt. Natürlich gibt es vernünftige Erklärungen. Vielleicht muss die Frau nur zur Blutabnahme. Vielleicht ist sie bei einem anderen Arzt. Vielleicht gibt es mehrere Behandlungszimmer. Vielleicht ist ihr Fall dringend. Niemand möchte kleinlich sein. Noch nicht.

Nur mal nachfragen

Gegen 10.45 Uhr verändert sich das Verhältnis zur eigenen Zeit. Die ersten zehn Minuten schenkt man der Praxis großzügig. Die nächsten zehn betrachtet man als unvermeidlich. Danach beginnt eine innere Buchhaltung. 25 Minuten. 30 Minuten. 35 Minuten. Schließlich steht einer der Wartenden auf und geht zur Anmeldung. Das gesamte Wartezimmer nimmt davon Kenntnis, ohne hinzusehen.

„Entschuldigung“, sagt der Mann, „ich wollte nur mal nachfragen.“ Ein wunderbarer Satz. Er beschwert sich nicht. Er fragt nur mal nach. Die Mitarbeiterin schaut auf ihren Bildschirm. „Es dauert leider noch einen kleinen Moment.“ Der Mann nickt. „Alles klar.“ Natürlich ist überhaupt nichts klar. Er setzt sich wieder. Niemand sieht ihn an, und trotzdem wissen jetzt alle Bescheid: Es dauert noch einen kleinen Moment.

Um 10.55 Uhr gewinnt das Schild an der Wand eine neue Bedeutung. Bitte halten Sie Ihre Termine ein. Aus einem vernünftigen Hinweis ist inzwischen eine kleine Provokation geworden.

Dabei wäre es billig, nun einfach über Ärzte und schlecht organisierte Praxen herzuziehen. Medizin lässt sich nicht nach Fahrplan betreiben. Ein Mensch kommt mit Rückenschmerzen und erwähnt plötzlich einen Druck in der Brust. Eine Untersuchung ergibt etwas Unerwartetes. Ein Gespräch dauert länger, weil jemand Angst hat. Ein Notfall kommt dazwischen. Und niemand möchte einen Arzt, der nach zwölf Minuten auf die Uhr schaut und sagt: „Tut mir leid, Ihre Zeit ist um.“ Das Wartezimmer ist deshalb auch ein Ort, an dem Menschlichkeit zwangsläufig jeden noch so sorgfältigen Terminkalender durcheinanderbringen kann.

Es gelten andere Gesetze

Das ist die eine Seite. Aber es gibt noch eine andere. Denn erstaunlicherweise hat sich eine ganze Gesellschaft daran gewöhnt, dass eine Verabredung um 10.20 Uhr durchaus 11.05 Uhr bedeuten kann. Nicht überall. Wer einen Tisch für 19 Uhr reserviert und ihn erst um 19.45 Uhr bekommt, wird ungehalten. Wer einen Handwerker für 9 Uhr erwartet und um 9.45 Uhr noch immer allein zu Hause sitzt, greift zum Telefon. Und wer einen Freund 45 Minuten warten lässt, muss anschließend mindestens eine überzeugende Geschichte erzählen. Nur beim Arzt gelten andere Gesetze.

Das liegt wohl daran, dass die Rollen klar verteilt sind. Der Arzt verfügt über etwas, das der Patient braucht. Eine Untersuchung, ein Rezept, eine Diagnose oder wenigstens die beruhigende Nachricht, dass es nichts Ernstes ist. Also wird gewartet. Zeit ist schließlich nicht nur eine Maßeinheit. Zeit hat manchmal auch etwas mit Macht zu tun. Wer auf wen wartet, sagt erstaunlich viel über das Verhältnis von Menschen zueinander. Der Vorstand lässt warten, der Bewerber wartet. Der Kunde wartet heute meist weniger geduldig als früher, weil Unternehmen gelernt haben, dass er andernfalls zur Konkurrenz geht. Der Patient wartet weiterhin, denn alle Beteiligten haben längst gelernt, dass er es tun wird.

Um 11.03 Uhr wird der Mann aufgerufen, der kurz zuvor noch nachgefragt hatte. Er erhebt sich sofort. Keine Spur mehr von Auflehnung. „Danke“, sagt er sogar. Seine Wartezeit wird endlich beendet.

Um 11.05 Uhr fällt schließlich der Name des Patienten mit dem 10.20-Uhr-Termin. Er steht sofort auf. Fast ein wenig zu schnell. Im Behandlungszimmer wartet er noch einen Augenblick, dann kommt der Arzt herein, begrüßt ihn, setzt sich an den Schreibtisch und schaut auf den Bildschirm.

„So“, sagt er. „Was kann ich für Sie tun?“

Es wäre der Moment. Der Patient könnte darauf hinweisen, dass sein Termin um 10.20 Uhr war. Er könnte erklären, dass inzwischen 45 Minuten vergangen sind. Er könnte das Schild im Wartezimmer erwähnen. Er könnte eine grundsätzliche Diskussion über Pünktlichkeit, gegenseitigen Respekt und den Wert menschlicher Zeit beginnen.

Stattdessen sagt er: „Also, es geht um mein Knie.“

Als der Patient zurück in Richtung Anmeldung geht, bekommt er dort noch einen neuen Termin. „Wie wäre es am Dienstag um 9.40 Uhr?“ Der Patient schaut kurz in seinen Kalender. „Ja, das passt.“ – „Prima. Dann seien Sie bitte zehn Minuten vorher da.“ Natürlich. Man will schließlich niemanden warten lassen.