Das Frühstücksbuffet – weil es schließlich bezahlt ist

Zu Hause ist Frühstück eine überschaubare Angelegenheit. Kaffee, ein Brötchen, vielleicht Marmelade oder Käse. Manche Menschen essen Müsli, andere gar nichts. Niemand empfindet das als Mangel. Derselbe Mensch betritt jedoch morgens im Urlaub den Frühstücksraum eines Hotels und stellt fest, dass Kaffee und Brötchen unter diesen Umständen vollkommen unzureichend sind. Jetzt braucht er Rührei, Speck, Käse, Schinken, Joghurt, Obst, Orangensaft und vielleicht Lachs. Und natürlich ein Croissant. Weil es da ist.
Das Frühstücksbuffet gehört zu den bemerkenswertesten Einrichtungen des modernen Tourismus. Eigentlich soll es den Gast satt machen. Tatsächlich verwandelt es erwachsene Menschen für eine knappe Stunde in strategisch denkende Selbstversorger, die offenbar nicht ausschließen können, dass dies die letzte Nahrungsaufnahme ihres Lebens sein könnte. Schon beim Betreten des Frühstücksraums beginnt die Planung. Anfänger gehen sofort zum Buffet. Erfahrene Hotelgäste sichern zunächst den Tisch. Möglichst am Fenster, nicht zu nah an der Kaffeemaschine und weit genug vom Eingang entfernt. Gleichzeitig darf der Weg zum Essen nicht zu weit sein. Schließlich wird man ihn mehrfach zurücklegen.
Alles vorhanden. Sehr gut.
Eine Jacke über der Stuhllehne markiert das Territorium. Manchmal genügt eine Brille auf dem Tisch. Danach kann die Versorgung beginnen. Die erste Runde dient allerdings der Orientierung. Niemand möchte sich zu früh festlegen. Vielleicht befindet sich hinter dem Korb mit den Brötchen noch etwas Interessanteres. Deshalb geht der erfahrene Gast zunächst langsam am Buffet entlang und prüft die Lage. Warmes, Kaltes, Gesundes, Süßes – alles vorhanden. Sehr gut.
Das Problem eines Buffets besteht darin, dass der Teller eine begrenzte Fläche besitzt, das Angebot aber nicht. Also entstehen Konstruktionen, die jedem Statiker Sorgen bereiten. Zwei Brötchen bilden das Fundament, daneben kommt das Rührei. Speck und Käse werden seitlich angelegt. Eine kleine Tomate rollt gefährlich Richtung Tellerrand, während das Croissant obenauf gesetzt wird. Niemand öffnet morgens zu Hause den Kühlschrank und denkt: Heute wäre ein guter Tag, all das gleichzeitig zu essen. Im Hotel erscheint es vollkommen vernünftig.
Schließlich ist es bezahlt.
Ein einzelnes Brötchen könnte unter diesen Umständen beinahe als wirtschaftliches Versagen betrachtet werden. Also folgt Runde zwei. Nun wird spezialisiert: vielleicht noch etwas Warmes, anschließend die gesunde Phase mit Obst, Joghurt und ein wenig Müsli. Damit ist das bisherige Frühstück ernährungswissenschaftlich höchst üppig, ökonomisch gesehen aber ausgeglichen.
Kaffeemaschine – ein entscheidender Moment
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Kaffeemaschine. Sie ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob ein Hotelmorgen friedlich verläuft. Moderne Geräte bieten eine Auswahl, für die früher ein ausgebildeter Barista zuständig gewesen wäre. Vor der Maschine steht grundsätzlich jemand, der sie zum ersten Mal bedient. Er betrachtet das Display, tippt, wartet und tippt erneut. Nichts passiert. Hinter ihm stehen inzwischen drei Menschen.
„Irgendwie geht die nicht“, sagt er und dreht sich um. Jetzt tritt der nächste Gast hinzu. Gemeinsam wird das Gerät untersucht. Ein Vierter äußert die Vermutung, man müsse zuerst die Tasse darunterstellen. Das erweist sich als guter Hinweis. Die Maschine beginnt zu arbeiten. Alle sind erleichtert. Für einen kurzen Augenblick hat eine Gruppe fremder Menschen gemeinsam ein technisches Problem gelöst. Dann bekommt jeder seinen Kaffee und kehrt an seinen Tisch zurück. Beziehungen müssen nicht länger dauern als nötig.
Auch sonst bildet das Frühstücksbuffet die Gesellschaft nahezu vollständig ab. Es gibt die Entschlossenen, die exakt wissen, was sie wollen, und die Unentschlossenen, die minutenlang zwischen zwei Käsesorten abwägen. Die Gesundheitsbewussten beginnen mit Naturjoghurt und frischem Obst und kommen zehn Minuten später doch mit einem Croissant zurück. Es gibt den Gast, der jede Beschriftung liest, und den, der eine silberne Haube öffnet, hineinschaut, sie wieder schließt und fünf Minuten später noch einmal nachsieht. Vielleicht hat sich inzwischen etwas verändert.
Ein Frühstück mit Kindern folgt eigenen Gesetzen. Eltern versuchen zunächst, etwas Vernünftiges auf den Teller des Nachwuchses zu bekommen. Brötchen? Nein. Käse? Nein. Joghurt? Vielleicht. Obst? Auf keinen Fall. Dann entdeckt das Kind die Schokocreme, und die Verhandlungen sind beendet. Während ein Elternteil Kaffee holt, sucht das andere einen Löffel, und irgendwo steht ein Glas Orangensaft gefährlich nah an einer Tischkante.
Auch beim Gebäck greift eine eigentümliche Logik. Ein Croissant wäre genug. Zwei erscheinen vorsorglich sinnvoll. Das zweite wird dann häufig nicht mehr gegessen und liegt auf dem Teller wie ein Denkmal der eigenen Fehleinschätzung.
Eigentlich ist es jetzt vorbei
Irgendwann tritt jener Moment ein, an dem jeder vernünftige Mensch erkennen müsste, dass das Frühstück beendet ist. Man ist satt, der Kaffee ist getrunken, die Gläser geleert, eigentlich könnte man aufstehen. Doch dann kommt jemand vom Nachbartisch mit einem kleinen Teller zurück. Darauf liegt ein Stück Kuchen.
Kuchen? Den gab es also auch. Die Lage muss neu bewertet werden.
Ein Frühstücksbuffet ist weniger eine Mahlzeit als eine fortlaufende Entscheidungsprüfung. Immer wenn man glaubt, fertig zu sein, entdeckt man etwas, das bislang übersehen wurde. Vielleicht Pancakes, vielleicht frische Waffeln, vielleicht jene kleinen Gläser mit irgendeiner Creme, deren Inhalt sich nicht eindeutig bestimmen lässt, die aber ausgesprochen hochwertig aussehen. Man nimmt eines. Urlaub bedeutet schließlich auch, offen für Neues zu sein.
Nach etwa einer Stunde endet das Ritual. Vor dem Gast stehen zwei Kaffeetassen, mehrere Teller und kleine Gläser, eine kleine Schüssel. Zu Hause hätte ein Brettchen genügt. Nun wartet der Tag. Vielleicht ist eine Wanderung geplant, eine Stadtbesichtigung oder ein Strandspaziergang. Irgendetwas jedenfalls, das Bewegung erfordert. Der Gast erhebt sich langsam. Sehr langsam.
Auf dem Weg zum Ausgang kommt er noch einmal an den Brötchen vorbei. Ein kurzer Gedanke entsteht. Man weiß schließlich nicht, wann es Mittagessen gibt. Ein Brötchen für unterwegs wäre eigentlich vernünftig. Nur zur Sicherheit.
Morgen früh wird er wiederkommen. Vermutlich etwas zurückhaltender. Das nimmt er sich jedenfalls fest vor. Schließlich kann kein Mensch jeden Morgen Rührei, Speck, Käse, Lachs, Joghurt, Obstsalat und zwei Croissants essen.
Außer natürlich, es ist im Preis enthalten.


