Über eine Gesellschaft, die Widerstände für Erziehungsfehler hält

Die westliche Gesellschaft hat ein bemerkenswertes Kunststück vollbracht: Sie hat Hunger, Kälte und schwere körperliche Arbeit für einen großen Teil ihrer Bevölkerung zurückgedrängt – und gleichzeitig Menschen hervorgebracht, denen bereits eine verspätete Paketzustellung als Angriff auf die persönliche Würde erscheint.

Das ist nicht nur Spott, sondern eine Beobachtung: Je angenehmer das Leben wurde, desto weniger angenehm scheinen es viele zu empfinden. Wir besitzen mehr, wählen mehr, reisen weiter und können uns rund um die Uhr unterhalten lassen. Trotzdem nehmen Gereiztheit, Erschöpfung und das Gefühl zu, irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Der Fortschritt hat uns viel gegeben. Nur mit der Zufriedenheit scheint es weiterhin Lieferprobleme zu geben.

In einem Gespräch mit Richard David Precht beschreibt die Schriftstellerin Juli Zeh diese eigentümliche Lage moderner Wohlstandsgesellschaften. Wachstum und materielle Sicherheit garantieren offenbar kein wachsendes Glück. Wo die großen existenziellen Sorgen kleiner werden, richtet sich der Blick umso aufmerksamer auf die Unterschiede zwischen den Menschen. Nicht mehr die Frage, ob genug vorhanden ist, beschäftigt uns, sondern ob der Nachbar mehr davon besitzt.

Der Wohlstand beseitigt den Vergleich nicht. Er stattet ihn nur besser aus.

Der Ökonom Richard Easterlin beschreibt diesen Zusammenhang mit dem nach ihm benannten – und wissenschaftlich durchaus umstrittenen – Easterlin-Paradox. Innerhalb einer Gesellschaft sind Menschen mit höherem Einkommen meist zufriedener. Wächst jedoch der Wohlstand des ganzen Landes, steigt das durchschnittliche Glück nicht automatisch im gleichen Maße. Easterlin fasst es so zusammen: „Langfristig entwickelt sich das Glück nicht entsprechend dem Einkommenswachstum.“ Als eine Hauptursache nennt er den sozialen Vergleich. Wir messen unseren Wohlstand selten an dem, was frühere Generationen besaßen, sondern bevorzugt am neuen Wagen in der Einfahrt nebenan. Sobald alle mehr haben, beginnt das Rennen einfach eine Etage höher.

Soziale Medien liefern dazu täglich die passende Vergleichsausstellung. Dort sieht man keine gewöhnlichen Leben, sondern sorgfältig beleuchtete Schaufenster: Urlaube ohne Sonnenbrand, Familien ohne Streit, Körper ohne Schwerkraft und Karrieren ohne Montagmorgen. Wer lange genug hineinschaut, muss beinahe zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass alle anderen erfolgreicher und glücklicher sind. Nur man selbst sitzt offenbar im Ausschuss der allgemeinen Glücksproduktion.

Auch die psychologische Forschung kennt die Schattenseiten des privilegierten Aufwachsens. Suniya Luthar untersuchte Jugendliche aus wohlhabenden Vorstadtfamilien und fand bei ihnen auffällig hohe Werte für Ängste, Depressionen und Drogenkonsum. Ihre Studie trägt den bezeichnenden Titel „Privilegiert, aber unter Druck?“. Als Belastungen erwiesen sich vor allem hoher Erfolgsdruck und geringe emotionale Nähe zu den Eltern. Materielle Sicherheit schützt demnach nicht automatisch vor seelischer Unsicherheit. Mitunter bekommt das Kind jedes gewünschte Gerät, aber zu wenig von jener altmodischen Ressource, die sich weder bestellen noch skalieren lässt: verlässliche Zuwendung.

An diesem Punkt berührt sich die gesellschaftliche Diagnose von Precht und Zeh mit der wesentlich gröberen These des Unternehmers Oscar Karem. Unter der drastischen Überschrift „Wir haben Abfallprodukte gezüchtet“ beschreibt er eine Erziehung, die Kindern möglichst jede unangenehme Erfahrung ersparen möchte: keine Langeweile, keine längere Wartezeit, keine Ablehnung, möglichst keine Niederlage. Für jedes Unbehagen gibt es Ablenkung, für jeden Wunsch schnelle Erfüllung und für jede schlechte Note notfalls ein Gespräch mit der Schule.

Der Begriff „Abfallprodukte“ ist nicht nur geschmacklos, sondern auch falsch. Menschen sind keine Produktionsreste. Doch hinter der verbalen Keule steckt eine Frage, die sich nicht so leicht beiseiteschieben lässt: Was geschieht, wenn man jungen Menschen aus guter Absicht möglichst alle Widerstände aus dem Weg räumt?

Geduld lernt man nicht, wenn alles sofort verfügbar ist. Mit Ablehnung umzugehen lernt man nicht, wenn jede Zurückweisung als unzumutbare Kränkung behandelt wird. Und Selbstvertrauen entsteht nicht dadurch, dass Erwachsene jede Schwierigkeit beseitigen. Es wächst, wenn ein Mensch erlebt, dass er eine Schwierigkeit selbst bewältigen kann.

Es gibt offenbar ein großes Missverständnis: Wir verwechseln ein gutes Leben mit einem reibungslosen Leben. Dabei ist Widerstand nicht nur ein Hindernis, sondern auch das Material, an dem Persönlichkeit entsteht. Wer niemals warten musste, wird nicht geduldig. Wer niemals scheiterte, wird nicht widerstandsfähig. Wer nie Langeweile erlebte, muss auch nie lernen, aus sich selbst etwas zu machen.

Die Nachkriegsgeneration wollte verständlicherweise, dass es ihren Kindern einmal besser gehen sollte. Diese wiederum wollten, dass ihre Kinder es noch leichter haben. Aus dem Wunsch nach einem besseren Leben wurde allmählich das Versprechen eines Lebens ohne Zumutung. Nur hat niemand erklärt, was passiert, wenn dieses Versprechen auf die Wirklichkeit trifft. Denn die Wirklichkeit ist altmodisch. Sie verteilt weiterhin Absagen, Krankheiten, Trennungen und Niederlagen – völlig unabhängig davon, ob man ausreichend wertgeschätzt wurde.

Eine Gesellschaft, die das Unangenehme aus der Kindheit verbannt, schafft es nicht aus der Welt. Sie verschiebt nur die erste Begegnung damit.

Hinzu kommt, dass Wohlstand die Erwartungen schneller wachsen lässt als die Möglichkeiten. Was gestern Luxus war, gilt heute als Grundausstattung. Was früher als glücklicher Zufall erschien, wird zum Anspruch. Bleibt die erwartete Anerkennung aus, empfinden wir nicht mehr nur Enttäuschung, sondern Ungerechtigkeit. Die Welt hat dann angeblich gegen einen Vertrag verstoßen, den allerdings nur eine Seite unterschrieben hat.

Das erklärt vielleicht einen Teil jener Gereiztheit, die inzwischen den öffentlichen Raum prägt. Im Straßenverkehr, in Kommentarspalten und in der Politik begegnen sich Menschen, die gelernt haben, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind – aber seltener, dass andere ebenfalls welche besitzen. Freiheit wird dann nicht mehr als gemeinsamer Zustand verstanden, sondern als persönliches Vorfahrtsrecht.

Das berührt auch die Demokratie. Sie lebt vom Aushalten anderer Meinungen, langsamer Verfahren, unbefriedigender Kompromisse und gelegentlich der Erkenntnis, nicht zur Mehrheit zu gehören. Wer Frustration grundsätzlich als unzulässige Zumutung empfindet, wird daher nicht nur im Privatleben unglücklich. Er wird auch für eine demokratische Gesellschaft anstrengend.

Die Antwort kann kaum darin bestehen, Not und Härte zu romantisieren. Armut macht Menschen nicht automatisch charakterfest, eine lieblose Kindheit nicht widerstandsfähig und Entbehrung nicht edel. Niemand muss zurück in eine Zeit, in der Kinder stillzuhalten hatten und Erwachsene ihre Gefühle im Werkzeugkeller aufbewahrten.

Es geht nicht um die Rückkehr zur Härte. Es geht um das richtige Maß an Zumutung.

Dieses Maß ist schwer zu treffen. Eltern sollen schützen, ohne jede Erfahrung vorwegzunehmen; helfen, ohne das Leben ihres Kindes selbst zu führen. Eine psychologische Untersuchung stellt nüchtern fest: „Übermäßiger elterlicher Schutz wird häufig mit der Entstehung und Aufrechterhaltung kindlicher Angststörungen in Verbindung gebracht“ (Clarke et al., The ParentalOverprotection Scale). Das bedeutet nicht, dass Fürsorge Kinder krank macht. Problematisch wird sie dort, wo Schutz dauerhaft an die Stelle eigener Erfahrung tritt. Wer jedes Stolpern verhindert, erspart den blauen Fleck – möglicherweise aber auch die Erkenntnis, aus eigener Kraft wieder aufstehen zu können.

Die eigentliche Reifeprüfung der Wohlstandsgesellschaft könnte sein, nicht immer mehr zu besitzen, sondern mit dem Vorhandenen leben zu können. Nicht jedes Hindernis als Skandal zu betrachten. Nicht jede Enttäuschung in Wut zu verwandeln. Und gelegentlich auszuhalten, dass die Welt einen Moment lang nichts liefert – nicht einmal Unterhaltung.