Speisekarte als QR-Code: Eine Lösung sucht ihr Problem

Es gibt Erfindungen, bei denen der Verbesserungsbedarf überschaubar ist. Der Löffel gehört dazu. Der Türgriff. Vielleicht auch der Bierdeckel. Und bis vor einigen Jahren durfte man annehmen: die Speisekarte. Ihr Funktionsprinzip war bestechend einfach. Man bekam sie, schlug sie auf und las. Weder ein Betriebssystem noch eine Internetverbindung waren erforderlich. Auch der Ladezustand der Speisekarte spielte keine erkennbare Rolle.

Was über Jahrzehnte problemlos funktioniert, hat oft in einer digitalisierten Gesellschaft einen schweren Stand. Irgendwann stellt jemand die entscheidende Frage: Könnte man das nicht auch mit dem Smartphone machen? Man kann. Also wird es gemacht. Deshalb klebt heute in immer mehr Restaurants ein QR-Code auf dem Tisch. Ein kleines schwarz-weißes Quadrat hat dort einen Gegenstand ersetzt, dessen technische Zuverlässigkeit über Generationen hinweg nahezu hundert Prozent betrug.

Wer wissen möchte, ob es Rinderroulade, Risotto oder Curry gibt, benötigt nun zunächst ein technisches Endgerät. Smartphone entsperren, Kamera öffnen, QR-Code erfassen, Link antippen, Website laden. Manchmal kommt vorher noch die Frage nach den Cookies. Der Gast möchte zwar keine Cookies, sondern wissen, was die Tagessuppe kostet. Aber das Internet ist in solchen Dingen unerbittlich.

Danach erscheint die Speisekarte. Mit etwas Glück sogar so, dass sie auf einem Smartphone gelesen werden kann. Mit weniger Glück handelt es sich um eine PDF-Datei, die offenbar für einen 27-Zoll-Monitor entworfen wurde. Dann beginnt jene Fingerübung aus Vergrößern, Verschieben und Zurückzoomen, die inzwischen zu den Kulturtechniken des 21. Jahrhunderts gehört. All das dauert nicht lange. Aber länger als Aufschlagen.

Natürlich hat die digitale Speisekarte Vorteile. Preise lassen sich ändern, ohne neue Karten zu drucken. Tagesgerichte können ergänzt, Zutaten erläutert und Allergene aufgelistet werden. Der Wirt muss keine hundert Karten austauschen, weil der Spargel mal wieder teurer geworden ist. Änderungen sind in Sekunden erledigt. Das spart Papier, Druckkosten und Arbeit. Für Gastronomen ist das praktisch, kostengünstig und flexibel. Nur sollte man Praktikabilität für den Anbieter nicht automatisch mit Fortschritt für den Kunden verwechseln.

Wenn Digitalisierung zum Selbstzweck wird

Genau das geschieht inzwischen erstaunlich häufig. Der Kunde scannt seine Einkäufe selbst, druckt seine Fahrkarte selbst, verwaltet seine Bankgeschäfte selbst, checkt am Flughafen selbst ein und erfasst beim Paketdienst selbst die Daten. Im Hotel wird der digitale Check-in angeboten, beim Arzt sollen Formulare möglichst schon vor dem Besuch online ausgefüllt werden, und wer mit einem Unternehmen Kontakt aufnehmen möchte, darf sein Anliegen zunächst einem Chatbot erklären. Im Restaurant sorgt der Gast nun auch selbst dafür, dass er erfährt, was es zu essen gibt. Das nennt sich Digitalisierung. Früher hätte man manches davon möglicherweise Rationalisierung genannt. Der Unterschied ist nicht ganz unwichtig.

Denn Rationalisierung beschreibt ziemlich nüchtern, was geschieht: Ein Unternehmen vereinfacht Abläufe, spart Arbeit oder senkt Kosten. Digitalisierung klingt erheblich schöner. Das Wort trägt den Fortschritt bereits im Gepäck. Digital ist modern. Analog riecht ein wenig nach Faxgerät, Wählscheibe und Quelle-Katalog. Dabei sind Digitalisierung und Fortschritt keineswegs dasselbe. Eine digitale Lösung kann hervorragend sein. Sie kann einen Vorgang schneller, einfacher und billiger machen. Sie kann Menschen von lästiger Arbeit befreien und Dienstleistungen ermöglichen, die früher kaum vorstellbar waren. Onlinebanking ist dafür ein gutes Beispiel. Niemand muss ernsthaft die Rückkehr zum Überweisungsträger fordern. Navigation per Smartphone ist dem Straßenatlas in vielen Situationen überlegen. Eine Bahnfahrkarte auf dem Handy erspart den Gang zum Automaten.

Es gibt also genügend Beispiele dafür, dass Digitalisierung einen echten Gewinn bedeutet. Gerade deshalb darf man gelegentlich fragen, wo dieser Gewinn eigentlich liegt. Bei der Speisekarte fällt die Antwort für den Gast nicht ganz so eindeutig aus. Sie hatte kein ernsthaftes Bedienungsproblem. Ihre Benutzeroberfläche war über Jahrhunderte intuitiv. Ein Wischen mit dem Finger genügte bereits – man nannte es Umblättern. Updates waren selten erforderlich. Virenbefall kam praktisch nicht vor. Die Akkulaufzeit war bemerkenswert, und selbst bei einem vollständigen Systemausfall konnte der Kellner notfalls sagen: „Heute gibt es keinen Lachs.“ Die Speisekarte war, technisch gesprochen, ein erstaunlich ausgereiftes Produkt. Sie wurde trotzdem digitalisiert.

Wer analog bleibt, wird zum Sonderfall

Besonders deutlich wird der Unterschied, wenn am Tisch Menschen sitzen, die nicht mit dem Smartphone groß geworden sind. Der QR-Code ist für einen 25-Jährigen kaum der Rede wert. Kamera öffnen, scannen, fertig. Für einen 80-Jährigen kann derselbe Vorgang durchaus eine kleine Hürde darstellen. Nicht für jeden, selbstverständlich. Es gibt Achtzigjährige, die ihr Smartphone souveräner bedienen als manche Vierzigjährige. Aber es gibt eben auch Menschen, die kein aktuelles Telefon besitzen, deren Display klein ist, deren Sehvermögen nachgelassen hat oder die schlicht nicht verstehen, warum sie zum Lesen einer Speisekarte ein elektronisches Gerät einsetzen sollen.

Die übliche Antwort lautet dann, man könne ja nach einer gedruckten Karte fragen. Das stimmt. Bemerkenswert ist nur die Umkehrung: Was früher selbstverständlich bereitlag, muss nun erbeten werden. Derjenige, der das einfache Verfahren bevorzugt, wird zum Sonderfall. Das lässt sich auch außerhalb der Gastronomie beobachten. Wer mit Bargeld zahlen möchte, entdeckt immer häufiger, dass Kartenzahlung erwartet wird. Wer eine Rechnung auf Papier benötigt, zahlt dafür möglicherweise einen Aufpreis. Wer mit einem Unternehmen telefonieren möchte, muss erst herausfinden, ob irgendwo zwischen FAQ, Kontaktformular und Chatbot noch eine Telefonnummer verborgen ist. Wer einen Menschen sprechen möchte, muss sich zunehmend dafür qualifizieren. Der digitale Weg ist der Normalweg geworden. Alles andere gilt schnell als umständlich.

Dabei wird häufig übersehen, dass nicht immer der Kunde den größten Nutzen aus dieser Entwicklung zieht. Unternehmen können Prozesse automatisieren, Personal sparen, Daten erfassen und Abläufe standardisieren. Das ist wirtschaftlich vollkommen legitim. Ein Restaurant ist schließlich kein Sozialprojekt. Wenn digitale Speisekarten Kosten senken, spricht vieles dafür, sie einzusetzen. Nur könnte man das dann auch so nennen. Die eigentliche Meisterleistung besteht manchmal darin, eine Kostensenkung des Anbieters als Komfortgewinn des Kunden zu präsentieren. Der Kunde erledigt einen Teil der Arbeit selbst und darf sich dabei modern fühlen.

Der Kunde arbeitet jetzt mit

An der Supermarktkasse ist das besonders hübsch zu beobachten. Waren aufs Band legen, einscannen, gegebenenfalls Obst identifizieren, bezahlen, einpacken: Tätigkeiten, für die früher ein Mitarbeiter zuständig war, übernimmt nun der Kunde. Das kann tatsächlich schneller gehen. Es kann sogar Spaß machen. Nur ist die Rollenverteilung bemerkenswert: Das Unternehmen spart Arbeitszeit, der Kunde arbeitet kostenlos mit – und das Ganze wird als Serviceinnovation verkauft.

Im Restaurant ist der Weg ähnlich. Erst verschwindet die Karte. Dann kann über das Smartphone bestellt werden. Danach wird direkt digital bezahlt. Am Ende muss kein Kellner mehr fragen, ob noch jemand einen Espresso möchte, weil das System bereits einen Hinweis auf dem Display platziert hat. Vielleicht folgt irgendwann die Push-Nachricht: „Zu Ihrem Tiramisu empfehlen wir einen Grappa.“ Und selbstverständlich kann man anschließend den Besuch bewerten. Fünf Sterne wären schön.

Fortschritt müsste eigentlich bedeuten, dass etwas besser wird: schneller vielleicht, einfacher, sicherer, billiger, zugänglicher oder angenehmer. Irgendetwas sollte sich verbessern.

Schon denkbar, dass eines Tages wieder ein Restaurant damit wirbt: „Bei uns bekommen Sie eine echte Speisekarte.“ Einfach hinsetzen, aufschlagen und lesen. Das wäre dann vermutlich ziemlich innovativ. Denn die Geschichte des Fortschritts besitzt einen gewissen Sinn für Ironie.