Jahreswechsel am dritten Januar

Es ist kalt auf dem Balkon. Der erste Schnee fällt in den Hinterhofgarten, gleichmäßig, fast pflichtbewusst. Als hätte er sich vorgenommen, alles noch einmal neu zu ordnen, ohne großes Aufheben darum zu machen. Die vertrauten Dinge wirken für einen Moment sorgfältiger, als sie es zu anderen Zeiten sind. Die alten Mauern stehen ordentlicher, die vielen Äste der Bäume geben ihren Kontrast auf, die künstliche Krähe trägt eine weiße Haube und der alte Übertopf wirkt platzierter. Der Hof scheint sich Mühe zu geben.

Es ist still. Eine dieser seltenen Stillen, in denen nichts fehlt. Kein Geräusch, das man vermisst, kein Moment, der gefüllt werden müsste. Selbst die Stadt scheint kurz innezuhalten. Vermutlich nur zufällig.

Erst jetzt, am dritten Januar, tauchen sie auf: die Gedanken, die man dem Jahreswechsel zuschreibt. Rückblicke, vorsichtige Bilanzen, lose Überlegungen darüber, was war und was noch kommen könnte. Sie kommen wie Besucher, die ohne Ankündigung vorbeischauen und sich still dazusetzen. Man nickt ihnen zu und lässt sie gewähren.

Die sogenannten stillen Tage liegen bereits hinter einem. Sie waren, wie so oft, erstaunlich laut. Gespräche, Nachrichten, Verabredungen, Erwartungen. Selbst die Ruhe war gut besucht. Vielleicht musste sie das sein, um niemanden auszuschließen. Für die leisen Gedanken blieb wenig Platz. Sie warteten offenbar geduldig.

Jetzt ist Raum. Der Kalender ist weitergezogen. Niemand erwartet mehr große Worte oder klare Vorsätze. Das entlastet.

Der Hinterhof trägt seinen Teil dazu bei. Ein Licht im Fenster geht an, irgendwo rieselt Schnee von einem Ast. Erste Spuren im Weiß erzählen davon, dass da schon wieder Leben unterwegs war. Alles in einem Tempo, das keinen Kommentar verlangt.

Manche Gedanken wirken dabei fast freundlich. Eine kleine Nachsicht gegenüber dem vergangenen Jahr. Ein mildes Lächeln über all das, was man sich vorgenommen und dann doch anders gemacht hat.

Der dritte Januar erhebt keinen Anspruch. Er eignet sich für eine andere Art von Aufmerksamkeit. Für ein Sortieren ohne Dringlichkeit. Für ein Nachdenken, das nicht auf Lösungen aus ist.

Die Kälte bleibt. Der Schnee fällt weiter, er nimmt sich Zeit. Und irgendwo zwischen dem Stehen auf dem Balkon und dem Blick in den Gartenhof entsteht ein Gedanke: Manche Dinge müssen nicht pünktlich sein, sondern dürfen nachkommen. Still und unauffällig und mit einer kleinen, unerwarteten Heiterkeit.